Pro multis: Für alle oder für viele? Zu einer Reform der Liturgiereform

Unserer Referent Dr. theol. Klaus Limburg fand an diesem Abend auf das Haus in der Försterstraße um mit den zahlreich erschienenden Bundesbrüdern über eine der aktuellen kirchlichen Fragen zu sprechen.

Hintergrund des gewählten Themas ist die Änderung der Kanongebete der heiligen Messe entsprechend der Vorgabe der päpstlichen Gottesdienst-Kongregation vom 28. März 2001. An der zentralen Stelle der überlieferten Einsetzungsworte Jesu soll „pro multis“ nun mit „für viele“ statt „für alle“ übersetzt werden. Auch wenn das banal klingen mag, sollte man sich dieser Problematik etwas ausführlicher widmen.

Papst Benedikt XVI. schrieb am 24. April 2012 einen ausführlichen Brief an die Bischöfe des deutschen Sprachraumes. Darin geht er auf die Problematik des gewählten Begriffes und die Bedeutung ein, stellt aber auch das Versäumnis der Kommunikation dieser Änderung innerhalb der Glaubensgemeinschaft fest. Am Ende steht der Appell zu einer Katechese, die Laien und Priester auf eine Veränderung an einer so sensiblen Stelle „im innersten Raum unseres Betens“ (Papstbrief vom 24.4.2012) vorbereiten soll.

Nun zum Hintergrund der Änderung: Zunächst bestand ein exegetischer Konsens dass, dass das Wort „die vielen“ eine hebräische Ausdrucksform „der Gesamtheit“ entsprechend ist (vgl. Jes 53,11 f.). Demnach sei das Wort „viele“ in den Evangelien nach Markus (Mk 14,24) und Matthäus (Mt 26,28) ein Semitismus und müsse mit „alle“ übersetzt werden. Dieser Konsens hat sich im Laufe der Zeit aufgelöst und somit wird klar, dass die Übersetzung von „pro multis“ mit „für alle“ vor allem eines ist: eine Interpretation. Durch die Übersetzung wollte man „den Weg zu den Menschen abkürzen“ (Papstbrief vom 24.4.2012) und ihnen somit das Verständnis erleichtern. Die jetzige Änderung bedeutet aber vor allem „Respekt vor dem Wort Jesu, um ihm auch bis ins Wort hinein treu zu bleiben“ (ebd.).

Bedeutet dies nun, dass Jesus nicht für alle, sondern nur für viele gestorben ist? Wie sollte diese Relativierung zu verstehen sein? Anders als bei den Evangelien von Matthäus und Markus („… das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“, s.o.) schreiben Lukas (Lk 22,20) und Paulus (1 Kor 11,24) „für euch“ und konkretisieren damit die Aussage. Damit ist der Konflikt genommen, werden doch die anwesenden Gläubigen direkt angesprochen.

Doch es bleibt die Problematik der Formulierung „für viele“ statt „für alle“, ist er doch zweifelsohne für alle Menschen gestorben.

Gehen wir etwas weiter zurück, finden wir schon im Alten Testament die Formulierung „Denn er [der Gottesknecht] trug die Sünden von vielen“ (Jes 53,12), an der sich die beiden Evangelisten zweifelsohne orientieren. Somit wird durch die Formulierung mehr eine frühere Vorausdeutung bestätigt als eine eigene Deutung vorgenommen. Kurz: Jesus deutet sich selbst als der Gottesknecht des Buches Jesajas.

Wen Jesus nun aber ganz genau mit den „vielen“ meint und wen nicht, das bleibt letzten Endes Gottes Geheimnis, das rechte Verständnis der Verantwortung jedes einzelnen Gläubigen überlassen. Und genau das ist Sinn der Änderung: Die Übersetzung soll möglichst dem Original entsprechen und für weitere Interpretationen offen sein. Damit ist der Weg der Kirche, die Glaubenstexte den Menschen leichter zugänglich zu machen, ein Stück weit revidiert.

Erklärtes Ziel unseres sympathischen wie eloquenten Referenten und seines spannenden Vortrages war eine Katechese, Glaubensunterweisung, und zwar im Kleinen. Uns diesen Sachverhalt näher zu bringen, ist ihm außerordentlich gut gelungen und trotz des auf den ersten Blick eher abschreckenden Themas war die breite Hörerschaft sehr positiv überrascht.