Spirituell sind wir alle Semiten

Bereits zu Anfang ging ein erleichtertes Raunen durch die Menge als unser Redner, Bbr. Dr. Thomas Rubel (Unitas-Salia Bonn), offenbarte, dass die wissenschaftliche Sitzung weniger einen theologischen, als vielmehr einen historischen Anspruch habe. So war es sein erklärtes Ziel in Form von „Spotlights“ keinesfalls einen allumfassenden, jedoch einen aussagekräftigen Überblick über das Verhältnis zwischen Juden und Christen in den letzten 2.000 Jahren zu erstellen.

Der Titel des Vortrags entstammt, wie er zunächst enthüllte, übrigens einer Rede Papst Pius des XI. vor belgischen Pilgern. Dort bezeichnet Pius XI. den Antisemitismus als „eine verabscheuungswürdige Haltung“ mit der „Christen nichts zu tun haben“ dürften, denn spirituell seien wir alle Semiten.

Schon am Anfang der WS stellte Bbr. Thomas Rubel unverblümt fest: Antijudaistische Strömungen in der Kirche sind so alt wie das Christentum selbst. So bezichtigt schon Paulus in seinem ersten Brief an die Thessalonicher die Juden des Gottesmordes; bezeichnet sie gar als „Feinde aller Menschen“. Auch ist die frühe Geschichte der Kirche von einer Ablehnung ihrer jüdischen Wurzeln geprägt. Als im Apostelkonzil beschlossen wurde, dass wer zum Christentum konvertiert weder beschnitten sein müsse noch an die jüdischen Gebote gebunden sei, war dies gleichbedeutend mit der Abkehr von der jüdischen Tradition, auch wenn es den Weg zur Identitätsfindung und -bildung der jungen Kirche ebnete.

„Der Antisemitismus ist eine verabscheuungswürdige Haltung, damit dürfen wir Christen nichts zu tun haben. […] Durch Christus und in Christus sind wir die spirituellen Nachkommen Abrahams. […] Jedesmal wenn ich die Worte ‚das Opfer unseres Vaters Abraham‘ höre, kann ich nicht umhin, zutiefst davon berührt zu sein. Es ist für Christen nicht legitim, am Antisemitismus teilzuhaben. […] Spirituell sind wir alle Semiten (Spirituellement nous sommes des sémites).“

— Papst Pius XI. (1922–1939) am 6. September 1938 vor belgischen Pilgern

Die Periode der Spätantike und des Mittealters war, so Thomas Rubel, hinsichtlich der Beziehungen zwischen Juden und Christen von Widersprüchen geprägt. So sorgte Kaiser Konstantin, bekanntermaßen Förderer des christlichen Glaubens und erster getaufter römischer Kaiser, dafür, dass Juden ihre Privilegien behielten und dank eines Dekrets von 321. n. Chr. sogar erstmals in die städtischen Kurien eintreten durften. Andererseits entstanden in dieser Zeit eine Vielzahl anderer gängiger Vorwürfe, wie die der Habgier, der Hostienschändung oder der Brunnenvergiftung. Auch wenn sich, wie er am Beispiel der Stadt Köln zeigte, in vielen Städten gedeihende, jüdische Gemeinschaften etablierten, kam es doch immer wieder zu Übergriffen auf die jüdischen Minderheiten. In Köln alleine gipfelte die judenfeindliche Stimmung in vier großen Pogromen und Ausweisungen, unter anderem im Zuge der Kreuzzüge und der großen Pest im 14. Jahrhundert; zuletzt als im nationalsozialistischen Regime 11.000 Juden aus Köln und Umgebung deportiert und ermordet wurden.

Im zweiten Teil seines Vortrages präsentierte Bbr. Thomas Rubel in Kontrast zur konfliktgezeichneten Vergangenheit die neuzeitliche Annäherung der Kirche an das Judentum: Ein Meilenstein hierbei war, so der Referent, sicherlich nostre aetate, die Erklärung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen im Zuge des II. Vatikanischen Konzils, in dem der Wahrheitsgehalt anderer Religionen anerkannt, das enge Band von Juden und Christen betont, sowie alle „Manifestationen des Antisemitismus“ beklagt und verurteilt wurden.

Auch die nachkonziliare Erfahrung zeigt, dass sich Päpste weiterhin für einen interreligiösen Dialog eingesetzt haben und weiterhin einsetzen: Papst Johannes Paul II. besuchte 1986 als erster Papst eine jüdische Synagoge. Im Jahre 2000 räumte er die christliche Mitschuld an Glaubenskriegen, Judenverfolgung und Inquisition ein, und reiste, wie auch später sein Nachfolger Benedikt XVI., nach Israel, um an der Klagemauer zu beten.

Zuletzt lenkte er unseren Blick auf die Gegenwart: Trotz dieser positiven Aussichten wird auch in Deutschland immer wieder von Übergriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen berichtet. 2012 wurde ein Rabbiner in Berlin in Anwesenheit seiner Tochter von Jugendlichen brutal zusammengeschlagen, nachdem er zugegeben hatte Jude zu sein. Ein Jahr zuvor war die Fassade der Aachener Synagoge mit Hakenkreuzsymbolen und Ähnlichem beschmiert worden.

Von mir, einem ehemaligen Schüler von Thomas Rubel, kommend mag ein Urteil vermessen und anbiedernd klingen, doch ich komme nicht umhin zu betonen dass Thomas‘ WS durchgängig aufschlussreich, hervorragend vorbereitet – viele der verwendeten Fotos hatte er selbst vor Ort aufgenommen – und lebhaft vorgetragen war, und trotz beachtlicher Überlänge alle Anwesenden bis zum Schluss in ihren Bann zog. Wer an diesem Abend nicht dabei war hat sicherlich eines der großen Highlights dieses Semesters verpasst!