Die Sache des Igels

„Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß nur eine große Sache.“
— Archilochos (7. Jh. v. Chr.)

Viel ist schon hineininterpretiert worden in diesen einen Satz. Nicht unwahrscheinlich, dass der altgriechische Lyriker Archilochos einfach nur feststellen wollte, dass der doch so schlaue Fuchs machtlos ist, wenn der Igel seine eine große Sache einsetzt, seine Stacheln aufstellt und sich zusammenrollt.

Isaiah Berlin (1909–1997), einer der wirkmächtigsten politischen Philosophen und Ideengeschichtler nach dem Zweiten Weltkrieg, nutzte den Vers als Metapher, um die beiden Positionen Monismus und Pluralismus voneinander abzugrenzen. Pluralisten, also Füchse, zu denen sich Berlin selbst zählte, vertreten ein Konzept, wonach es mehrere Theorien, Einsichten und Wahrheiten gleichzeitig geben könne und verschiedene Werte unweigerlich miteinander in Konflikt stünden, beispielsweise Freiheit und Sicherheit. Hingegen vertritt ein Monist wie Ronald Dworkin (1931–2013) die These von der „Einheit aller Werte“: „Nicht nur bildet die Wahrheit über die gelungene Lebensführung, das gute Leben und all das, was wir lieben und wertschätzen, ein zusammenhängendes Ganzes, diese unterschiedlichen Aspekte der Wahrheit stützen sich zudem wechselseitig.“

Dworkin, der als großer Denker des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Rechts- und Moralphilosophie und der politischen Philosophie gilt, fühlte sich angegriffen von Berlin, der ihn als einen Igel bezeichnet hatte. Sein kurz vor dem Tod vollendetes opus magnum trägt daher auch den Titel „Von Füchsen und Igeln“ und begründet auf 800 dicht beschriebenen Seiten Dworkins These von Einheit und Objektivität von Werten und verteidigt die Position der Igel.

Beim Vereinsfest der vier Aachener Unitas-Vereine gab Festredner Professor Dr. Joachim Söder anhand eben dieses Buches den Zuhörern eine Einführung in die Moralphilosophie.

Pluralismus – Die Meinung des Fuchses

Laut Söder kommen auf Seite der „Fuchsmeinungen“ im Wesentlichen drei Grundhaltungen zum Tragen, die sich nicht scharf voneinander trennen lassen: Der Nonkognitivismus sage, Moral sei bloß ein Gefühl und moralische Urteile könnten nicht wahr oder falsch sein, weil sie nicht kognitiv erkennbar, also keiner wissenschaftlichen Erkenntnis zugänglich seien. Dass die Moral sowieso nur ein Produkt der Evolution sei und es eben einen Fortpflanzungserfolg böte, „wenn man nett zueinander sei“, so Söder, behaupteten die Vertreter des metaethischen Naturalismus. Und der Antirealismus argumentiere für ein Verständnis von Moral als bloßes Synonym für Nützlichkeit. Moral sei nichts, das in sich real ist.

Monismus – Die Sache des Igels

Richard Dworkin vertrete nun mit dem Glauben an die Objektivität des Moralischen eine Gegenposition, führte Söder aus. „Im Gegensatz zu Nonkognitivismus, Naturalismus und Antirealismus bewegt sich Dworkin auf einem ethischen Standpunkt und schaut nicht von Außen, also nicht von einer meta-ethischen Sicht, auf die Dinge.“ Die „Igelmeinung“ sei die von der Objektivität des Moralischen. Der Vortragende stützt sie mit Argumenten aus unterschiedlichen Blickwinkeln:

Normativität der Wahrnehmung

„Die ethische Perspektive ist unhintergehbar und für den menschlichen Verstand zugänglich“, lautet die These von Joachim Söder. Betrachteten wir ein Bild, das z.B. die Misshandlung von Menschen zeigt, dann rufe dies unweigerliche moralische Reaktionen hervor. Nämlich das etwas sei, was nicht sein solle. Eine solche Reaktion stelle sich unmittelbar ein, ohne dass eine Schlussfolgerung zu dieser Erkenntnis führe. Diese moralische Reaktion würde von uns als real wahrgenommen und könne auch – hier verweist Söder auf den deutschen Moralphilosophen und Logiker Ernst Tugendhat (* 1930) – einer Analyse des Wahrheitsgehalts nach den drei Sinnrichtungen standhalten: Der Frage nach dem Faktischem, nach dem Möglichen, nach dem Besten.

„Wenn wir Menschen wahrnehmen, dann nehmen wir sie auch immer unter einer moralischen Perspektive wahr“, fasst Söder den Standpunkt zusammen, den Philosophen als Normativität bezeichnen. Moralische Aussagen mit absolutem Wahrheitsgehalt seien daher zumindest möglich, moralische Urteile also wahrheitsfähig. Das Überprüfen von Argumenten und das Widerlegen von Gegenargumenten führe letztlich zu einem solchen wahren Urteil.

„Menschen können und müssen aus ihrem Leben etwas machen“

Unterstützung für Dworkins monistische These erhält er laut Joachim Söder durch die Menschenwürde. Das Konzept der Menschenwürde ist eines, das zutiefst in der antiken Philosophie und der jüdisch-christlichen Tradition verwurzelt ist und einige Konkretisierungen durch Immanuel Kant (1724–1804), den wohl einflussreichsten Gelehrten der deutschen Aufklärung, erfahren hat. An erster Stelle steht sie in Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz, geschützt durch die Ewigkeitsklausel, und gilt gleichsam als oberster Wert des Grundgesetzes.

Kant schreibt in seiner Metaphysik der Sitten: „Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde.“ Und an anderer Stelle: „Autonomie ist der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen Natur.“ Es ist Kants Entwicklung der Würde „aus der Struktur des Menschseins heraus“, die Söder den Antirealisten entgegenhält. Auch Ronald Dworkin nimmt hierauf Bezug, wenn er schreibt, dass „unser physisches Leben […] in der Natur statt[findet] und […] von ihr zehrt. Weil wir uns aber als Gestalter unseres Lebens begreifen und Entscheidungen treffen müssen, die in der Summe Auskunft darüber geben, was wir aus unserem Leben gemacht haben, stehen wir zugleich außerhalb der Natur.“ Das manifestiere sich, sagt Söder, in den Fähigkeiten des Menschen, sich Ziele zu setzen, sich selbst zu vervollkommnen, aus Gründen zu handeln und eben moralisch zu empfinden. Auf diese von Kant zugrunde gelegten Fähigkeiten wies der Sprachphilosoph Avischai Margalit (* 1939) hin und folgerte: „Der Mensch ist ein Wesen, das die bloße Naturkausalität transzendieren kann.“

Für Söder bleiben die von Kant entwickelte Autonomie des Menschen – sein „Selbstzweck“ – und seine natürlichen Fähigkeiten nicht folgenlos. Sie gingen einher mit einem Recht auf Selbstbestimmung einerseits und einer Pflicht, selbstbestimmt zu leben, andererseits. Auf der einen Seite müssten also z.B. Teilhabe ermöglicht, Wünsche respektiert, Informationen bereitgestellt werden. Auf der anderen Seite sei Jeder verpflichtet, die eigenen Potentiale wertzuschätzen, sein Selbstbild zu reflektieren und die eigenen Motivationsquellen zu pflegen. „Menschen können und müssen aus ihrem Leben etwas machen“, appelliert Söder abschließend an die Zuhörer.

Zur Person

Dr. Joachim R. Söder, geb. 1967, ist seit 2009 Professor für Philosophie an der Katholischen Hochschule NRW am Standort Aachen. Er hat Philosophie, Politikwissenschaft und Katholische Theologie an der Universität Würzburg studiert und wurde in Bonn zum Dr. phil. promoviert.